Liebe Bürgerinnen und Bürger,

vor wenigen Wochen, am 17. April, gab es ein großes Ereignis in der kleinsten Ortschaft unserer Doppelstadt Dessau-Roßlau, die offizielle Einweihung des neuen Gerätehauses für die Freiwillige Feuerwehr Mühlstedt. Neben den Mühlstedter Kameradinnen und Kameraden waren zahlreiche Gäste aus Politik und Verwaltung und von anderen Feuerwehren gekommen, um dieses historische Ereignis zu würdigen.

FFW Mühlstedt: Der jahrzehntelange Dienst unter unwürdigen Bedingungen hat endlich ein Ende

Um die wahrhaft historische Dimension dieses Ereignisses ermessen zu können, muss man die Geschichte der Mühlstedter Feuerwehr kennen, besonders die der letzten Jahrzehnte.

Im Jahr 1913 wurden in den benachbarten Dörfern Mühlstedt und Meinsdorf Freiwillige Feuerwehren gegründet. Da Mühlstedt immer ein sehr kleines Dorf war und auch heute noch ist, laut Statisik vom 31.12.2025 beträgt die Zahl der Einwohner 177, hatte der Löschtrupp zwar immer überschaubare Dimensionen, war aber stets einsatzbereit und äußerst engagiert. Die Bedingungen, unter denen die Kameraden, zurzeit 12 aktive, ihren Dienst leisten mussten, waren aber schon lange nicht mehr zeitgemäß, oder ungeschminkt formuliert, katastrophal und unwürdig. Ein altes Backhaus aus den 1960er Jahren fungierte als Gerätehaus und war nichts mehr als eine enge Garage für das Löschgruppenfahrzeug. Keine Toilette, keine Umkleide, nicht mal ein Waschbecken standenzur Verfügung.




Eine räumliche Trennung der kontaminierten und verrußten Einsatz- und der Straßenbekleidung war praktisch nicht möglich. Als im Jahr 2003 Mühlstedt sich nach Roßlau eingemeinden ließ, keimte Hoffnung auf, der Neubau eines Gerätehauses mit aller notwendigen Ausstattung wurde in die Planung der Stadt Roßlau aufgenommen und die Kosten dafür in den Haushalt eingestellt. Doch daraus wurde nichts, denn mit der „Fusion“ von Dessau und Roßlau 2007 gab es plötzlich neue, andere Prioritäten. Zwei große Kostenfaktoren belasteten die junge Doppelstadt anfangs schwer. Zum einen der hohe Schuldenberg von 110 Millionen Euro, den die Stadt Dessau als Mitgift mit in die Ehe brachte, und zum anderen die über Jahre stark überhöhten Personalkosten, denn schließlich mussten die komplette Verwaltung von Dessau und Roßlau und ein großer Teil der Verwaltung vom aufgelösten Landkreis Anhalt-Zerbst beschäftigt und bezahlt werden. Um die hochdefizitären Finanzen Dessau-Roßlaus zu sanieren, wurde 2010 von der Verwaltung ein Konsolidierungskonzept entworfen, die sogenannte „Blut- und Tränenliste“, ein wahrer Horrorkatalog.

Als ich die Erinnerungen, Sitzungsprotokolle und Zeitungsberichte von damals erneut Revue passieren ließ, sträubten sich mir wieder die Haare ob der teils abenteuerlichen Sparmaßnahmen, die diese „Blut- und Tränenliste“ enthielt (83 Vorschläge aus allen Verwaltungsbereichen). Als Ortsbürgermeister schockierten mich am meisten die angedachten Zusammenlegungen von Ortschaften und Freiwilligen Feuerwehren, insbesondere die der Feuerwehren von Meinsdorf und Mühlstedt. Jeder, der die große Bedeutung der Feuerwehr für eine Ortschaft kennt, weiß, dass das keine guten Ideen sind. Das Veto der Meinsdorfer wurde noch getoppt von den Mühlstedtern, die unisono und äußerst medienwirksam (BILD-Zeitung) alle mit dem Rücktritt von ihrem Ehrenamt drohten, mit zunächst kurzfristigem Erfolg.




Als 2012 die Sanierung der maroden Gerätehäuser von Meinsdorf und Mühlstedt unumgänglich wurde, kam die nächste Sparattacke der Verwaltung: Nur ein (1) neues Gerätehaus sollte gebaut werden und zwar an der gemeinsamen Gemarkungsgrenze, am Meinsdorfer Friedhof! Auch dagegen wehrten sich die Meinsdorfer und Mühlstedter vehement. Es wäre frevelhaft gewesen, den idealen Standtort im Zentrum Meinsdorfs direkt an der Rossel aufzugeben und die Mühlstedter Kameraden an die Gemarkungsgrenze zu zwingen. Dem damaligen Mühlstedter Ortsbürgermeister Dietmar Böhme, den Meinsdorfer und Mühlstedter Ortschaftsräten und vor allem dem Schulterschluss der Stadträte ist es zu verdanken, dass sich der Widerstand gegen die Verwaltung gelohnt hat und alles anders kam: Heute gibt es immer noch zwei eigenständige Feuerwehren und das Wertvollste ist, beide Wehren haben jetzt neue Gerätehäuser mit modernster Ausstattung.

Die Meinsdorfer und Mühlstedter haben sich das echt verdient, aber noch sind sechs Gerätehäuser von Freiwilligen Feuerwehren Dessau-Roßlaus auf der Liste, die saniert oder neu gebaut werden müssen! Liebe Bürgerinnen und Bürger, Sie sehen, wie eng Sieg und Niederlage, Freude und Trauer beieinander liegen und dass sich Kämpfen lohnen kann. Obwohl die Mühlstedter Freiwillige Feuerwehr schon mehrmals totgesagt wurde, ist sie immer noch am Leben. Und das ist gut so!

Wünschen wir den Mühlstedter Kameradinnen und Kameraden erfolgreiche nächste 113 Jahre und alle Zeit: „Gut Schlauch!“.

Hans-Peter Dreibrodt
stellvertretender Fraktionsvorsitzender